Wer nicht von dreitausend Jahren sich weiß Rechenschaft zu geben,
bleib im Dunkel unerfahren, mag von Tag zu Tage leben.

(J. W. Goethe)

An den Schwellen des Lebens

Sibylle LewitscharoffDie ,,Dresdner Rede" von Sibylle Lewitscharoff hat in den Medien viel Aufmerksamkeit erregt.

Lewitscharoff hätte durch künstliche Befruchtung entstandene Kinder als ,,Halbwesen" abgewertet. Die Onanie wolle sie verbieten. Und sie habe, indem sie die ,,Kopulationsheime" der Nationalsozialisten als ,,harmlose Übungsspiele" für die heutige Reproduktionsmedizin bezeichnete, ,,gefährliche Worte" geäußert. Allseitig distanzierte man sich von der Büchnerpreisträgerin. Reaktiv stürzten sich die Medien nur auf Reizworte, rissen sie aus dem Kontext und verbanden sie mit Unterstellungen. Die Rede jedoch war differenziert und ernst und sie betraf Fragen, die lohnen würden, sie unaufgeregt zu diskutieren. 

Zum Thema: ,,Von der Machbarkeit. Die wissenschaftliche Bestimmung über Geburt und Tod" sprach die Autorin, den Beginn und das Ende des Lebens in den Blick nehmend. Etwas, was schon ihre Biographie ihr nahe legt: Ihr Vater war Gynäkologe und er starb durch Selbstmord. Ihrer 88-jährigen Mutter wurde durch ein ,,Reanimationstheater" das Leben im Koma um ein Jahr verlängert. Nur die schwäbische Großmutter – so erfährt man – starb einen ,,guten Tod".

Nach den ,,modernen Todesarten", dem durch technische Mittel ,,qualvoll verlängerten Horror", wendet sie sich dem Thema der Geburt zu, wo heute ebenfalls Wissenschaft und Technik eingreifen: Reproduktionsmedizin, Pränataldiagnostik, Abtreibung. Lewitscharoff stellt dabei ihre Gedanken in ein weites Panorama, das von Dante bis zu dem Schweizer Künstler Adolf Wölfli reicht, von den genannten biographischen Gegebenheiten bis zu politischen Fragen, wie jener der Partientenverfügung.

Da, wo sie einzig hysterische und verkürzende Aufmerksamkeit erntete, wagte sie sich in dunklere Bereiche der Seele vor, denen auch "schwarze Gedanken", wie Lewitscharoff es mittlerweile selbst charakterisiert hat, entsteigen können.

Es lohnt, die am 2. März im Staatsschauspiel Dresden gehalten ››› Rede in Gänze zu hören oder zu lesen.

 

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