Von der Art ist die Weissagekunst: Sie erkennt aus dem
Offenbaren das Verborgene, aus dem Gegenwärtigen das Zukünftige,
aus dem Toten das Lebendige, und den Sinn des Sinnlosen.

(J. W. Goethe)

Ein Leserbrief an den Spiegel

Wilhelm Schmundt und Josef Beuys 1973 in Achberg (Foto vermutlich von Kathrin Dietere)Der nachfolgende Leserbrief ist entstanden als Reaktion auf eine im Spiegel (20/2013) erschienen Rezension eines im Aufbauverlag publizierten Buches von Hans-Peter Riege, das den vermessenen Titel „Beuys: Die Biographie“ trägt. Es gab hier schon eine ››› Erstreaktion darauf.

Ohne kritische Distanz werden von Ulrike Knöfel die denunziatorischen Halbwahrheiten und Lügen des Buches weitergereicht. Diese betreffen nicht nur Joseph Beuys selbst, sondern beziehen sich auch auf für seine Arbeit wichtige Quelle. Dazu gehört neben dem allgemeinen Hintergrund der Anthroposophie speziell auch die Arbeit in „Achberg“; im Buch mit Hinweisen selbst auf aktuelle Vorgänge dieser zivilgesellschaftlichen Werkstatt, die seit über 40 Jahre hindurch für eine gesellschaftliche ››› Alternative in den politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Zusammenhängen wirkt.

 
Zu: „Kunstborn“ von U. Knöfel, in: Der Spiegel 20/2013 vom 13. Mai


Wie soll man es auffassen, wenn ein Mensch mit Lügen und Verzerrungen so charakterisiert wird, dass ihm das, wofür er eintrat, abgesprochen wird, das, wogegen er stand, unterstellt wird? Aus welchen Motiven auch immer es geschehen mag, es ist ein Angriff.

Die Munition für diese Attacke liefert Hans-Peter Riegels neues Buch mit dem vermessenen Titel „Beuys: Die Biographie“. Ulrike Knöfel mag sich dahinter verstecken, die Publikation bloß zu rezensieren, doch dies hätte auch mit kritischer Distanz geschehen können. Diese fehlt gänzlich. Im Gegenteil, der Artikel macht die Sache reißerisch auf. Der Titel „Kunstborn“ und die entsprechenden Foto-Illustrationen eröffnen die Front in eindeutige Richtung! „Es ist halt der Spiegel!“, mag man sich denken, „Nicht anders zu erwarten.“ Doch wer der Lüge nicht entgegentritt, macht sich mitschuldig. So einfach kann es sein. Und sollte dies nicht besonders für jene gelten, die ja, wie der Artikel vorgibt, es zu tun, für sich in Anspruch nehmen, Mittäterschaft und Mitläufertum im Nationalsozialismus aufzuklären? Oder wird die „Nazikiste“ nur aufgemacht, um die Auflage zu steigern? „Es ist halt der Spiegel!“, mag man sich denken...    

Joseph Beuys zu unterstellen, er habe eine „totalitäre Gesellschaft angestrebt“, ist unvergleichlich absurd. Beuys hat in einer bewegten Zeit Mitstreiter und Weggefährten gesucht, mit denen eine als notwendig erkannte Erneuerung der sozialen Verhältnisse aus ihren Fundamenten heraus angestrebt werden konnte, eine emanzipierte Gesellschaft „mit dem Antlitz des Menschen“, wie es etwa auch aus dem Prager Frühling heraus zu vernehmen war. Freiheit, Demokratie und Sozialismus waren die Ideale, die auch schon die Dreigliederungsidee Rudolf Steiners kannte. Der Ort, der dafür ein Zentrum bildete war das noch heute bestehende Internationale Kulturzentrum Achberg. Keine „Heimstätte für offenbar viele Menschen mit [Nazi-]Vergangenheit“, sondern Begegnungsort für Repräsentanten der verschiedensten  Strömungen, unter ihnen nicht wenige Überlebende des Holocaust, die, wie beispielsweise Ossip K. Flechtheim, große Hoffnungen mit dieser „Werkstatt einer neuen Gesellschaft“ verbanden, die auch in dem Selbstverständnis gegründet wurde, gerade durch ihre Arbeit einen Beitrag dafür zu leisten, die Wunde, die der Nationalsozialismus von Deutschland ausgehend geschlagen hatte, heilen zu helfen. 

In Achberg haben für Beuys wichtige Begegnungen stattgefunden. So zum Beispiel mit dem als Ex-Nazi verunglimpften Wilhelm Schmundt. Dessen weiterführende Arbeit an den sozialen Darlegungen Rudolf Steiners wurde eine der wichtigsten Grundlagen für Beuys. Was davon „ewiggestrig“ sein soll, kann man selbst in Erfahrung bringen, wenn man den auch heute noch hochaktuellen „Aufruf zur Alternative“, der am 23. Dezember 1978 in der Frankfurter Rundschau erschien, studiert.

Auch so gar nicht in das Bild einer „totalitären Gesellschaft“ passt Beuys' volkspädagogisches Wirken für die Idee der direkten Demokratie, das bis zu seinem Tod im Jahr 1986 in enger Zusammenarbeit mit jener auch heute noch aktiven zivilgesellschaftlichen Werkstatt in Achberg stand. Angesichts der vielfältigen gesellschaftlichen Krisensymptome in Deutschland und Europa würde es lohnen, die Spalten in den Magazinen und Zeitungen einer Debatte zu diesen Real-Utopien zu öffnen! Wir wollen nicht annehmen, dass der Zweck von Buch und Artikel der ist, dies gerade zu verhindern.

Gerhard Schuster, Wien
Christoph Klipstein, Achberg
15./16. Mai 2013

 

Weitere Leserbriefe und Reaktionen:

 

Im Blog von Peko Baxant ist der ››› Leserbrief von Herbert Schliffka erschienen.

Die Webseite "Themen der Zeit brachte eine Reaktion von ››› Rainer Rappmann und ››› Michael Mentzel

 

2 Kommentare

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Hervorragend kommentiert!

Hervorragend kommentiert! Herzlichen Dank und weiter so.

 
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Was sehr gut am Ende des

Was sehr gut am Ende des Leserbriefes zum Ausdruck kommt ist der Aspekt, dass den Blättern doch nur daran gelegen sein kann, jetzt einen Raum für eine Debatte zu eröffnen. Dass sie dieses doch nicht verhindern wollen können, wenn jetzt eine Diskussion in Gang käme über die entsprechenden Fragen, sowohl den 2. Weltkrieg betreffend und auch was Joseph Beuys damit zu tun hatte, als auch die von Joseph Beuys gefundenen Antworten auf die Katastrophe des Krieges, wofür ja auch, wie im Leserbrief zur Sprache kommt, das Internationale Kulturzentrum Achberg heute noch für steht. Da würde das jetzt Lügenhafte und dadurch in seiner Wirkung Zerstörerische in etwas Produktives umgewandelt werden können.

 

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