Nur die Fertigkeit, sich bei einem jeden Vorfalle schnell
bis zu allgemeinen Grundwahrheiten zu erheben, nur diese
bildet den großen Geist, den wahren Helden in der Tugend und
den Erfinder in Wissenschaft und Künsten.

(G. E. Lessing)

Nachruf

Wir trauern um Wilfried Heidt

1941 - 2012

 

Wilfried Heidt 1977



Wie an dem Tag, der dich der Welt verliehen,
Die Sonne stand zum Gruße der Planeten,
Bist alsobald und fort und fort gediehen
Nach dem Gesetz, wonach du angetreten.
So mußt du sein, dir kannst du nicht entfliehen,
So sagten schon Sibyllen, so Propheten;
Und keine Zeit und keine Macht zerstückelt
Geprägte Form, die lebend sich entwickelt.

J. W. Goethe, Urworte. Orphisch, δαίμων

 

Geboren in der Sonnenstadt Karlsruhe am 16. April 1941 hat Wilfried Heidt am 2. Februar 2012 – in der Zeit der kältesten Nächte des Jahres – die Schwelle des Todes überschritten. Er wurde dabei mitten aus seiner Arbeit gerissen, die er bis zum letzten Tag, wenn auch physisch durch Krankheit beeinträchtigt, unermüdet und in immer reicherer Frucht fortsetzte.

Diese Spanne eines Lebens von 70 Jahren beginnt in der finstersten Zeit der deutschen Geschichte. Die Kindheit führt hinein in eine Konfiguration Europas, die sich durch das 19. Jahrhundert hindurch bis zum Jahr 1917 vorbereitet hatte und jetzt nach dem 2. Weltkrieg die Dominante wird: Die geteilte Welt und in ihr ein geteiltes Mitteleuropa.

Wenn auch das Kind diese Zusammenhänge noch nicht verstehen konnte, so zeigt das Lebenswerk, auf das wir nun zurückblicken, dass hier schon der Schicksalsauftrag angelegt ist: ein Wirken aus dem Impuls der Dreigliederung des sozialen Organismus im Zeitgeschehen ab dem letzten Drittel des 20. Jahrhunderts.

Doch all das spielte zunächst keine bewusste Rolle. Nachdem der Vater nicht mehr aus dem Krieg zurückkam (er fiel 1944 in Russland) waren Mutter, Tante und Schwester die engsten Bezugspersonen. Das Leben in der Gemeinde Weingarten war geprägt von Obstbau und Landwirtschaft. Die Musik spielte – zunächst aus den religiösen Traditionen und dann auch in der Schule – für den Heranwachsenden eine entscheidende Rolle. In dem evangelisch-pietistischen Haushalt war die Bibel lange das einzige Buch.

In Karlsruhe besuchte Wilfried Heidt eine Wirtschaftsoberschule. Der tägliche Weg führte ihn vorbei am Karlsruher Schloss, dem Geburtsort Kaspar Hausers. Seine erste politische Initiative – eine Veranstaltung mit dem Vater der Geschwister Scholl (Robert Scholl) – fiel in das letzte Jahr dieser Lebensetappe, bevor ihn der Weg zum Studium in eine andere Stadt führte.

Den Rhein aufwärts ging es nach Basel, um neben Kunstgeschichte und Germanistik auch politische Philosophie bei Arnold Künzli zu belegen. Dieser machte seine Studenten mit den unterschiedlichen politischen Strömungen Deutschlands und Europas bekannt. Der plötzliche Tod seines Professors Walter Muschg brachte es mit sich, dass die geplante Dissertation im Fach Germanistik nicht abgeschlossen werden konnte.

Damit war die Weiche endgültig in die Richtung der „politischen Kunst“ als dem Schaffen am „größten aller Kunstwerke, dem Bau einer wahren politischen Freiheit“ (Schiller) gestellt. In der Zwischenzeit hatte auch die Begegnung mit der Anthroposophie Rudolf Steiners und das erste Studium dessen Sozialwissenschaft stattgefunden.

Auf der deutschen Seite im Dreiländereck, wo Wilfried Heidt auch wohnte und als Organist in der Kirche wirkte, schloss er sich in Lörrach/Haagen der Initiative zur Gründung eines Republikanischen Clubs an. In diesen hinein brachte er die Gedanken des Prager Frühlings, den er im Lichte der Idee der Dreigliederung als „Dritten Weg“ jenseits von Kapitalismus und Kommunismus identifizieren und beschreiben konnte. Der Dreigliederungsimpuls, der seit Rudolf Steiners Wirken und nach der Zeit des Nationalsozialismus nicht wieder so zum Leben erwachte, dass von einer Bewegung gesprochen werden konnte, wurde nun wieder in diesem Sinne ergriffen. Eine erste große „Dreigliederungs-Tagung“ mit dem Titel: „Der Kampf um die Dreigliederung in den gesellschaftlichen Konflikten der Gegenwart“ an Ostern 1970 führte viele diesem Impuls verbundene Menschen in Lörrach zusammen, die bis dahin in unterschiedlichen Situationen vereinzelt wirkten.

In dieser Zeit war dem Mittzwanziger bereits der eine Generation ältere Peter Schilinski zum Weggefährten geworden. Aus ihrer Begegnung konnte das „Schicksalsnetz“ gewoben werden, aus dem dann die Initiative für ein „Internationales Kulturzentrum“, durch zahlreiche Menschen unterstützt, ergriffen wurde. Es fand seinen physischen Platz – abermals den Rhein aufwärts zum Bodensee hin – an einem anderen Dreiländereck (Deutschland – Österreich – Schweiz) in Achberg.

Es war Wilfried Heidts unermüdliche Arbeit durch vier Jahrzehnte, die diesem Ort das „geistige Profil“ gab; ein Profil, das – sich wandelnd und immer wieder erneuernd – den roten Faden der Gesetzmäßigkeit seiner Individualität zur Erscheinung brachte.

Die ersten Jahre dieser Arbeit in Achberg waren geprägt von jährlichen Kongressen, bei denen es um die gesellschaftlichen Fragen ging, wie sie sich aus dem Zeitgeschehen der 68er Jahre[1] ergaben. Dabei ging es auch darum, die anthroposophisch-geisteswissenschaftliche Dimension mit der Dreigliederungsidee, die bisher in den politischen und gesellschaftlichen Debatten fehlte, sichtbar werden zu lassen. An diesen Kongressen nahmen Hunderte Menschen teil, darunter Persönlichkeiten aus den verschiedensten politischen Strömungen, die Wilfried Heidt oft persönlich aufsuchte, um sie für die Mitwirkung an diesem Projekt zu gewinnen.

Vor allem sind hier die Köpfe des Prager Frühlings[2] wie Ota Sik, Ivan Svitak, Eugen Löbl u.a. zu nennen. Diese Kontakte hatte er bereits 1968 geknüpft, als er noch vor dem 21. August, dem Einmarsch der Panzer, gemeinsam mit Peter Schilinski eine Reise in die Stadt an der Moldau gemacht hatte. Die damals gewonnenen Freunde kamen nun in Kontakt mit Gedanken auch anthroposophischer Sozialwissenschaftler und Historiker wie etwa Hans Erhard Lauer, Leif Holbaek-Hanssen oder Hans Georg Schweppenhäuser, die ihnen bisher unbekannt waren. Diese Jahreskongresse boten nun aber auch Wilhelm Schmundt die Möglichkeit, seine über Jahrzehnte hin erarbeiteten und bisher wenig beachteten sozialwissenschaftlichen Forschungsergebnisse, die im engeren Achberger Arbeitszusammenhang schon ein Jahr lang intensiv bearbeitet worden waren, mit dem tatkräftigen auch politischen Wirken einer jüngeren Generation zu verbinden. Und so war es auch die Initiative Wilfried Heidts, aus der die fruchtbare geistige Begegnung Joseph Beuys' mit dem Werk Wilhelm Schmundts stattfinden konnte.

Wilfried Heidt hat dieses Werk Schmundts, das er als wichtige Weiterführung des Ausgangspunktes bei Steiner erkannte, in sein eigenes Schaffen und Wirken integriert. Der aus der Zusammenarbeit von Joseph Beuys mit Wilfried Heidt entstandene und vor 33 Jahren am 23. Dezember 1978 in der Frankfurter Rundschau veröffentlichte „Aufruf zur Alternative“ ist eine Frucht dieser Bemühung,[3] durch die als soziales Modell auch der Unternehmensverband Aktion Dritter Weg entstehen konnte. Hier wurde versucht, die neu gewonnenen, sozialwissenschaftlich durchdrungenen Begriffe als ein Übungsfeld in die Tat umzusetzen. Dieses Erkenntnis-Fundament ist auch die Basis, um durch neue Geld- und Wirtschaftsgesetze für das global-vernetzte soziale Ganze die Auswege aus der gegenwärtigen Finanz-, Wirtschafts- und Bankenkrise finden zu können.[4]

In diese Zeit fällt nun auch die Etappe der Mitbegründung der Grünen, wo der Versuch im Mittelpunkt stand, die Vielfalt der ökologischen und politischen Bewegungen in einer Partei neuen Typs zu vereinen und diese mit den Ideen der Alternative zu befruchten.[5]

Die weitere Arbeit führt uns jetzt in die Jahre ab 1981. Sie sind überschrieben mit dem Begriff: „Direkte Demokratie durch dreistufige Volksgesetzgebung“. Jetzt wird im Wirken Wilfried Heidts der Wissenschaft der Dreigliederung des sozialen Organismus ein neues bei Rudolf Steiner noch nicht aufgeschlagenes Kapitel eröffnet. Aus der Klärung dieser Frage der Volkssouveränität (und der Souveränitäten im sozialen Organismus insgesamt) wurden dann auch politische Projekte in Angriff genommen, die in dem deutsch-deutschen Doppelprojekt D89 mit dem Achberger und Weimarer Memorandum einen Höhepunkt historischer Tragweite erreichten.[6] Dieses Projekt war im Vorausblicken auf das konzipiert worden, was für die beiden 40. Geburtstage, der BRD einerseits und der DDR andererseits, an „Substanz der Geschichte“ erwartet werden konnte, wenn die Symptome und Entwicklungslinien von der Französischen Revolution bis zur Gegenwart in den Blick genommen wurden.

Auch wenn im Ganzen hier viele Namen von Menschen, die des Verstorbenen Weg in unterschiedlichster Weise begleitet haben, unerwähnt bleiben müssen, sei hier doch der 2002 verstorbene Bertold Hasen-Müller genannt. Wilfried Heidt schrieb in dessen Nachruf: Die Arbeit ist „insbesondere in den Jahren zwischen 1980 und 1990 entscheidend von dieser Zusammenarbeit geprägt und insbesondere in diesem Jahrzehnt tragen unsere Projekte wesentlich mit den Stempel der Beiträge von Bertold Hasen-Müller, ja sie wären ohne ihn gar nicht in die Welt getreten. Dass es heute in Europa eine Bewegung für direkte Demokratie nach dem Verständnis der neuen Idee von der 'dreistufigen Volksgesetzgebung' gibt ist von der geistig-denkerischen Seite aus betrachtet Bertolds Verdienst mehr als das eines jeden anderen.“ – Diese Zeilen zur Erinnerung an den Freund werfen auch ein Licht auf dessen Verfasser Wilfried Heidt.

Neben den bisher genannten vor allem politischen Initiativen und der wissenschaftlichen Arbeit war für Wilfried Heidt noch weiteres mit der Idee eines „Internationales Kulturzentrums“ verbunden, z.B. – um nur das eine zu nennen: die Gründung einer Waldorfschule. Sie ist heute in Wangen angesiedelt, hat ihre Ursprünge aber schon in der Zeit der Lörracher Arbeit.

Doch zurück in die Zeit der sich nun an die Ereignisse von 1989 anschließenden Jahre. Sie führen Wilfried Heidt nach Ungarn und dann vor allem nach Rumänien, wo die siebenbürgische Stadt Medias für mehrere Jahre der Lebens- und Wirkensmittelpunkt Wilfried Heidts wurde.

In der zweiten Hälfte der 90er Jahre trat dann eine Aufgabe in den Blick, die jetzt in die Bearbeitung genommen werden musste. Diese Arbeit betraf die Konstitution der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft, die in ihren Grundlagen die Konzeptionsidee ihres Begründers Rudolf Steiner verlassen hatte und der Heilung bedarf, wenn aus der „Kraft der Anthroposophie“ (R. Steiner) die riesigen Aufgaben im Übergang zum 21. Jahrhundert bewältigt werden können sollen.

Wilfried Heidt 2008Jetzt zur Jahrtausendwende standen die Entwicklungen in der Europäischen Union im Vordergrund. Die Geburt eines neuen sozialen Organismus war durch die Perspektive einer Verfassung für Europa in die Aufmerksamkeit getreten. Auch dieses Konstitutionsprojekt ist noch unvollendet. Die dazu aus der Achberger Arbeit entwickelten Projekte[7] kamen noch nicht an ihr Ziel und bleiben ein wichtiges Arbeitsfeld für die Zukunft.

Die ersten Jahre des neuen Jahrhunderts zeichnen sich nun besonders dadurch aus, dass auf dem Feld der Erkenntnis des sozialen Organismus weitere Konkretisierungen und Vertiefungen gewonnen werden konnten. Es trat das Bild einer „neuen sozialen Architektur“[8] hervor, wo auf dem Fundament der Volkssouveränität die Gebiete des geistig-kulturellen, des politisch-rechtlichen und des wirtschaftlichen Lebens durch ein Netzwerk kommunikativer Verbindungen einerseits und zirkulierender monetärer Ströme andererseits zu einem Ganzen integriert werden.

Neben der begrifflich-gedanklichen Beschreibung konnte diesem Zusammenhang auch in Gestalt eines Baus Ausdruck gegeben werden: Das Medianum spiegelt in den baukünstlerischen Gesetzmäßigkeiten durch vier sich durchdringende Kuppeln die Gesetzmäßigkeiten des sozialen Organismus auf der Stufe seiner heutigen Entwicklung in der Epoche der Globalisierung wider.

Von diesen „Erreichnissen“ (Goethe) aus wurden vor allem im letzten Jahr (2011), als das Jubiläum 40 Jahre Internationales Kulturzentrum Achberg gefeiert wurde, für eine neue Etappe in der Biographie dieses „Lebewesens“ vielfältige Perspektiven anvisiert, die, jetzt ohne die Mithilfe des Freundes hier auf Erden, fortgesetzt werden müssen.

Als Wilfried Heidt am Lichtmesstag plötzlich und unerwartet starb, waren wir mitten in den Vorbereitungen für eine 1. Beratungskonferenz zur Frage, wie wir als anthroposophische Bewegung angesichts der zeitgeschichtlichen Herausforderungen im 21. Jahrhundert für den Impuls der Dreigliederung des sozialen Organismus wirken können.[9]

Diese Initiative ist, wie Wilfried Heidt in den Entwürfen zur Einladung am letzten Tag seines Lebens  schrieb, „erwachsen in Konsequenz einer seit 1966 kontinuierlich wirkenden Arbeit aus der anthroposophischen Bewegung für den Impuls der Dreigliederung des sozialen Organismus im Zeitgeschehen“ und nach einer kurzen Charakterisierung dieser auch hier in seinem Nachruf beschriebenen Arbeit schließt er an, wie es eigentlich ein Wunder ist, „dass all das aus kleinsten Anfängen heraus möglich wurde, weil ja leider die zerklüftete und zersplitterte anthroposophische Bewegung aus dem Charakter, wie sie sich nach der Zeit Rudolf Steiners entwickelt hat, dabei nie in stärkerem Maße mitwirkte oder wenigstens unterstützte […] Der Dreigliederungsimpuls war in dieser Gesellschaft nie wirklich erwacht; gar von einem 'gemeinsamen Wollen' konnte nie die Rede sein.“

Doch zu diesem „gemeinsamen Wollen“ zu kommen in einer Bewegung in der „alles geistgewollt ist“ (R. Steiner), das ist eine Bedingung für das Ergreifen dessen, was Rudolf Steiner charakterisiert hat, als er von jenem Geisteskampf sprach, der im Sinne des Michaelimpulses ausgefochten werden muss.

Bis zuletzt war – durch den Willen zur Zusammenarbeit getragen – ein Kreis von Menschen mit Wilfried Heidt verbunden. Dieser Wille zur Zusammenarbeit hat bei den einzelnen unterschiedlichste Hintergründe – es mag bei vielen ein erneuerter Wille gewesen sein, der schon in früheren Zeiten bestand, bei anderen mag Neues ergriffen worden sein. Möge dieser Wille sich in die Zukunft hinein als „unverbrüchlicher Vertrag“ erweisen.

Gerhard Schuster, 2. - 8. Februar 2012
mit Mitarbeitern in Achberg und Wien

 

Das Medianum Tischmodell

 

Der MEDIANUM-Bauimpuls in seiner elementaren Erscheinung 
Sozialwissenschaftliche Erkenntnisgrundlagen und baugesetzliche Entfaltung:
W. Heidt ab 2000, ttt.wilfried-heidt.de / Realisierung: Medianum-Werkstatt


 

[6] s. www.wirsinddeutschland.org/dokumentation.htm und www.volksgesetzgebung-jetzt.de/dokumente-texte Bis in die Gegenwart hinein und bis zuletzt federführend durch Wilfried Heidt in Zusammenarbeit mit seinen Mitarbeitern betrieben, gibt es Projekte zur Verwirklichung der dreistufigen Volksgesetzgebung: z.B. www.demokratie-initiative21.de oder www.volksgesetzgebung-jetzt.de 

[9] Ein erster Teil war schon für Ostern 2012 ins Auge gefasst. Wir werden zu gegebener Zeit bekannt geben, wie und wann es mit der Initiative weitergehen wird.

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