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Skandalös, ja! Aber wodurch?

Ein Beitrag zur Debatte um Heiner Geißlers angebliches Goebbels-Zitat

Der vermeintliche Skandal trat mit Verspätung ein. Erst ein Interview im Deutschlandfunk lenkte die breitere Aufmerksamkeit auf einen Vorgang, der vier Tage zuvor stattgefunden hatte und – was den nun skandalisierten Punkt betraf – bis dahin nur einige schwache Reflexe nachsich gezogen hatte. Jetzt erst gingen die Wellen hoch und die Medienmaschine läuft seither auf Hochtouren. Schon daran kann man sehen: Das Interview war der eigentliche Auslöser der jetzt einsetzendenden Aufregungen. Doch inwiefern dies so ist, wurde bisher nicht aufgezeigt. – Worin also besteht der eigentliche Skandal?

Am Freitag Nachmittag (29. Juli 2011) hatte Heiner Geißler – nachdem schon den ganzen Tag über die Schlichtungsrunde zum Bahnprojekt Stuttgart 21 tagte und der sog. Stresstest des geplanten neuen Stuttgarter Hauptbahnhofs vorgestellt und analysiert wurde – den sich immer unversöhnlicher gegenüberstehenden Streitparteien unter der Devise »Frieden in Stuttgart« einen Kompromissvorschlag in der Sache unterbreitet.

Geißler brachte seinen Vorschlag in dem Moment ins Gespräch, als das Aktionsbündnis der S21–Gegner gerade im Begriff war, unter Protest den Saal zu verlassen. Er sagte:

»Darf ich die anwesenden Mitglieder des Aktionsbündnisses darauf aufmerksam machen, dass ich Ihnen zum Abschluss unserer Veranstaltung noch eine Art Vorschlag machen wollte. […] Das haben wir natürlich heute Nachmittag gesehen: Die Auseinandersetzungen um diesen Bahnhof haben gezeigt, ein Konsens ist nicht möglich. Nicht, es ist eine erbitterte und leicht verbiesterte Diskussion, die wir hier haben […] deswegen habe ich die Bitte – weil ich es ja auch verfolgt habe und wir sind am Ende einer Diskussion seit Oktober. Eine Diskussion, die zur Versachlichung beigetragen hat, aber sie hat insgesamt nicht zu dem notwendigen Konsens geführt. Ich möchte hier nicht aus diesem Raum gehen, ohne wenigstens den Versuch unternommen zu haben, einen Beitrag zu leisten für eine friedliche Lösung, für eine Kompromisslösung dieses Streites. Niemand muss dies akzeptieren, aber er sollte es mit nach Hause nehmen und überlegen, ob es nicht eine Basis wäre, ein friedlich Lösung in Stuttgart herbeizuführen. Denn auch die Volksabstimmung wird ja keine friedliche Lösung bringen, sondern da wird es Sieger und Besiegte geben.«

So sein Gedanke. Er betonte, es sei jetzt wichtig, »weiterzureden«, denn:

»[…] darüber müssen sie sich auch im Klaren sein, der heutige Tag, da haben ein paar hunderttausend Leute mitgehört; es hat wahrscheinlich keinen so überzeugenden demokratischen Eindruck gemacht, wie das die Leute wollen. Das liegt in der Materie, wie sich die ganze Sache entwickelt hat. Ich möchte aber den Versuch unternehmen und es ist vielleicht ein Fünkchen Hoffnung für die Leute, die uns zuhören, ob es nicht möglich ist, zu einer friedlichen, einvernehmlichen Lösung zu kommen […]«

Geißler fuhr fort und beschrieb, was die Alternative zum Frieden sei und dabei fielen die Worte, die jetzt zum Aufreger hochgekocht wurden:

»Wenn Sie das nicht wollen … man kann natürlich die Auseinandersetzung führen: Wollt ihr den totalen Krieg, wollt ihr den totalen Sieg. Das kann man auch machen, also: wollt ihr die totale Konfrontation. Oder versuchen wir als vernünftige Menschen, einen Mittelweg zu finden.«

Geißler ließ ein Papier verteilen und bat darum, jetzt nicht sofort dazu Stellung zu nehmen, sondern es nach Hause zu nehmen, es zu prüfen. Es werde sich dann im Laufe der nächsten Wochen herausstellen, ob es möglicherweise doch eine Basis sei »für ein friedliches Einvernehmen hier in Stuttgart.«

Soweit der Vorgang. Es fielen also auch jene Worte, die Goebbels bei seiner an Demagogie nicht zu überbietenden Rede am 18. Februar 1943 im Berliner Sportpalast in den mit Parteigenossen gefüllten Saal gebrüllt hatte: »Wollt ihr den totalen Krieg!« –, um für den Krieg zu hetzen. Ein schauerlicher Moment der Geschichte, der keinem geschichtsbewussten Menschen entgangen ist. So war sicher auch Heiner Geißler der Wortlaut nicht unbekannt, als er ihn äußerte. Aber zu behaupten, er würde Goebbels zitieren – also im Kontext von dessen Agitation reden –, das trifft sie Sache nicht. Geißler wollte in zugespitzer Weise – wie er selbst sagt – die Alternative einer notwendigen Besinnnung, die eintreten müsse, aufzeigen, um die Situation in Stuttgart zu befrieden. Friedenstiften war sein Ansinnen, nicht Goebbelssche Kriegshetze!

Und so standen in den ersten Tagen nach diesem Freitag zunächst auch nicht die Goebbels–Worte im Zentrum der Aufmerksamkeit, sondern der überraschende Vorschlag des Schlichters mit dem in seinen Augen konsensfähigen Konzept für die Aufgabe, den Bahnknoten Stuttgart zu »ertüchtigen«. Doch bevor die Diskussion um diese Alternative überhaupt richtig in Gang gekommen war, kam am Dienstagmorgen das Interview im Deutschlandfunk.

Man mag es schon für unsinnig halten, wenn der Interviewer die Frage stellte, ob Geißlers Worte eine Verharmlosung des Nationalsozialismus bedeuten würden! Aber dabei blieb es nicht. Tobias Armbrüster fragte, ob Heiner Geißler die Absicht zur Verharmlosung der Goebbelsworte gehabt habe und unterstellte ihm damit diese Absicht – wenn, journalistenschlau, auch als Frage formuliert, weil er natürlich weiß, dass er, es behauptend, sich einen Prozess einfangen könnte. Kein Mensch, der halbwegs bei Verstand ist und den Vorgang, in dem die inkriminierte Sentenz geäußert wurde, mitverfolgt hat, kann allen Ernstes zu solch einer Unterstellung kommen.

Hier liegt doch der eigentliche Skandal! Dass über die Absichten eines Menschen in perfider Weise Unterstellungen geäußert werden, obwohl dieser doch seine Intention klipp und klar vorgebracht hat. Aufgehängt an fünf Worten, die innerhalb eines Gesamtzusammenhanges geäußert wurden, der auf etwas ganz Konkretes hin gerichtet war, eine geradezu absurde Absicht zu unterstellen: Das ist geistige Brunnenvergiftung!

Dass Armbrüster dabei dann noch – zur Rechtfertigung seiner Unterstellung – pauschal die Hörer des Deutschlandfunks benutzt, wenn er sagt, sie, die Hörer hätten diese Frage, ist eine weitere Spitze, die der Hörerbrief von Wilfried Heidt thematisiert und zurückweist.

Doch wo werden Armbrüsters Entgleisungen noch thematisiert? Anstatt sie zurechtzurücken werden Heerscharen aufgeboten, um Geißlers Worte zu kommentieren, zu analysieren, historisch zuzuordnen, zu relativieren oder weiter über sein Wollen zu spekulieren.

Die journalistischen Kräfte und die Zeit, die dabei aufgewendet werden, sollten in sachlicher Weise dem eigentlich Wichtigen dienen: Geißlers Versuch einer Coincidentia oppositorum. Ist sein Vorschlag, der mit Hilfe des Sachverstandes der anerkannten Schweizer Firma SMA eine Idee ins Spiel bringt, die die Vorteile der beiden gegnerischen Konzepte – Kopf- und Tiefbahnhof – miteinander verbinden könnte, nicht wert nach allen Richtungen hin geprüft zu werden, damit in der Öffentlichkeit festgestellt werden kann, ob es sich um einen gangbaren »Mitttelweg« in der Sache handeln könnte?

Gepostet von Gerhard Schuster am 4. August 2011 - 18.49 Uhr. Der Eintrag ist als Blogeintrag abgelegt und mit folgenden Keywords versehen: , , , , . Am Ende der Seite kann ein Kommentar hinterlassen werden. Die Kommentare können per RSS 2.0 - Feed abonniert werden. Um einen Ping von der eigenen Seite zu setzen, hier der Link zur Trackback-URL.

2 Kommentare zu “Skandalös, ja! Aber wodurch?”

  1. Jochen Abeling

    4. August 2011 | 21:56 Uhr

    So etwas wie dieses ominöse Armbrüster-Interview hatte ich noch nie gehört - und schon garnicht morgens beim Zähneputzen und beim DLF-Hören.
    Mir ist bis heute nicht klar, was es bedeuten sollte. War es ein übereifriger karrieresüchtiger Redakteur? Hatte er einen Auftrag und war ihm nicht gewachsen? Oder war es einfach eine komplett entgleiste Comedy-Show???
    Ich hätte mir gewünscht, dass Geißler etwas souveräner reagiert hätte. Obwohl ich auch verstehe, das man angesichts einer solchen Absurdität perplex ist.
    Auf jeden Fall zeigt es wieder, dass das Medienmonopol der Medien längst Gemeinwohlschädlich geworden ist. Sie sind nicht mehr die “vierte Gewalt” - waren es wohl auch nie.

    Die wirkliche Vierte Gewalt ist seit zwei, drei Jahrzehnten unheilvoll in die Geschichte eingetreten - weil sie nicht als solche erkannt wurde. Sorgen wir dafür, dass sie bewusst aus dem Geiste ihres Funktionsprinzips wirken kann!

  2. Michi van Oost

    4. August 2011 | 22:31 Uhr

    Lieber Herr Schuster, Ihre brilliante Statusbeschreibung unserer an wesentlichen Punkten desolaten Medienlandschaft hat mal richtig gut getan…. Nur nützt mir diese (geistige) Wohltat in irgendeiner Weise ? - Reicht es aus, wenn immer mehr Menschen diesen Blödsinn durchschauen? - Ja und nein! Entscheidend ist doch die Tat. Die aktive Tätigkeit im Aufbau einer Gegenöffentlichkeit, die Grundlage bilden muß für Formen sachbezogener Direkter Demokratie!!! Die immer bedeutender werdenden NonGovermentOrganisations zeigen da den richtigen Weg: Ein freies Geistesleben nimmt zunehmend Einfluß auf die “öffentliche Meinung” ! Irgendwann kippt das “Qualitative Wahrheitspotential” in ein Quantitatives Mehrheitsvotum: Das Volk ergreift die “Staatsgewalt”

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