Revolution und Evolution
Eine Meditation auf dem Weg zu einer »Neuen Sozialen Architektur«
1. »Vor der Frage: WAS KÖNNEN WIR TUN? muss der Frage nachgegangen werden: WIE MÜSSEN WIR DENKEN?«. So heißt es im »Aufruf zur Alternative« von Joseph Beuys [1979 Europa-Kandidat der Grünen], erschienen am 23. 12. 1978 in der Frankfurter Rundschau.
»Denken« heißt hier: Ins-Rechte-Denken der Wirklichkeit unserer sozialen Welt, die sich im Gang der Zeit in ihrer Gestalt sozusagen »hinter den Kulissen« der Bühne wandelt, während die Begriffe zurückbleiben. Deshalb Ins-Rechte-Denken, um zu lernen, die sich metamorphosierende Welt ideologiefrei neu anzuschauen und erforderlichenfalls durch eine »Revolution« der Begriffe die Grundlage zu schaffen für eine zeitgemäße »Evolution« der Verhältnisse.
Das ist heute noch genauso nötig wie damals. Denn allzu sehr sind die Grundstrukturen der Verhältnisse schon lange in immer wieder neuen Spielarten von den Auswirkungen ideologieverhafteter, anachronistischer Begriffe von rechts bis links überlagert und bleiben so dem Blick verborgen. Insbesondere deshalb ist das Ins-Rechte-Denken so nötig. Dann ist zu sehen, dass wir die soziale Welt längst nicht mehr adäquat beschreiben, wenn wir sie als »den Staat« verstehen. Vielmehr zeigt sich dem ideologiefreien Denken ein gegliedertes und dezentral vernetztes soziales Ganzes, kurzum ein sozialer Organismus:
-) Auf dem Fundament der Volkssouveränität erheben sich die vier Sphären der »systemischen« Primär-Funktionen dieses Organismus.
-) Sie sind durch ein Netzwerk kommunikativer Verbindungen einerseits und zirkulierender monetärer Ströme andererseits integriert und konstituieren dergestalt im Einsatz der Fähigkeiten der Tätigen an den Arbeitsstätten auf den Gebieten des geistig-kulturellen, wirtschaftlichen und politisch-rechtlichen Lebens die gesellschaftliche Menschheit.
2. In diesem Sinne befindet sich die Erdenzivilisation inmitten eines tiefgreifenden Strukturwandels. Und es stellt sich die Aufgabe, die sich diesem Blickwinkel zeigenden sozialen »Funktions-Systeme« im Verhältnis ihrer aufgabenbestimmten Sphären zueinander neu zu bestimmen.
Die Kernaufgabe des Geisteslebens in der Gesellschaft ist dabei das angedeutete System der Kommunikation und Vernetzung. Die Kernaufgabe des Wirtschaftslebens ist die der Produktion und Distribution aller nachgefragten materiellen und nicht-materiellen Güter und Dienstleistungen. Der Staat hat im politisch-rechtlichen System die Kernaufgabe der Legislative und Exekutive, und die Aufgabe des Geldwesens ist es, die Erfordernisse der monetären Zirkulation für das Produktionsfeld [im Kreditieren, Investieren und Subventionieren] einerseits und für das Konsumtionsfeld [im Einkommen Herausgeben] andererseits so zu versorgen und zu harmonisieren, dass alle Menschen, wo auch immer auf der Erde ihre Heimat sein mag, ihr Leben menschenwürdig führen können.
3. Erst auf der Voraussetzung dieses Erkenntnisbodens, kann - jetzt sinnvoll - auch die oft diskutierte »Wertefrage« gestellt werden: Was sind die Grundwerte, die im sozialen Ganzen und in seinen Gliedern orientierend wirken müssten? Aber auch: Welches sind die Rechte und Pflichten, die Kompetenzen der jeweiligen Sphäre? Und wer sind die Subjekte der Souveränität, die in dem neuen Systembild einer »integralen« [Eugen Löbl] Selbstverwaltungsordnung diese - in der Sache begründet - legitim auszuüben haben?
Es wird sich in Ausführung dessen dann zeigen, dass in dieser »neuen Architektur« der Gesellschaft, als viergliedriger sozialer Organismus, sowohl die Begriffe des Neoliberalismus als auch diejenigen des Altkommunismus obsolet geworden sind. Die - neo-soziale - Epoche des »Dritten Weges«, die neuerdings, jedoch ohne »Revolution der Begriffe«, auch Angela Merkel verkündet, könnte bei solcher Fürsprache also beginnen.
Dies alles gemeinsam zu verständigen und durch die entsprechenden Gesetzgebungen zu legitimieren, ist die vorrangige soziale Aufgabe der Gegenwart und nächsten Zukunft.
Den »Aufruf zur Alternative« sowie weiterführende Informationen zu den genannten Stichworten findet man auf www.impuls21.net.
Gerhard Schuster, 21. Februar 2009
[Wiener Institut für Europäische Gesellschafts-Entwicklung,
in Zusammenarbeit mit dem Achberger Institut für Zeitgeschichte]
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