Reden erst die Völker selber, werden sie schnell einig sein.

(Bert Brecht)

Goethe sah es wie Pauli

Goethe und PauliAm Freitag (5. Oktober 2007) wurde der auf dieser Seite bereits veröffentlichte Leserbrief zu Gabriele Paulis Vorschlag einer Ehe auf Zeit und zu der Art und Weise, wie mit ihrem Vorschlag umgegangen wurde, in der FAZ veröffentlicht. Der Leserbrief wurde von der Redaktion etwas gekürzt und unter den treffenden Titel: "Goethe sah es wie Pauli" gestellt. Im Folgenden soll er auch in dieser FAZ-Variante hier wiedergegeben werden. Weitere Dialog-Beiträge zur Frage eines neuen Eherechts werden folgen.

Goethe sah es wie Pauli Albert Schäffer: „Pauli Coelho im Löwenbräukeller“, F.A.Z. vom 20. September Weitgehend wurde die Anregung der CSU-Landrätin Gabriele Pauli, die Möglichkeit einer befristeten Ehe zu schaffen, als absurd und indiskutabel abgetan. Die heftigsten Worte kamen von der Spitze der Partei selbst. Edmund Stoiber etwa – so konnte man lesen – habe Pauli gar den Partei-Austritt nahegelegt und festgestellt, dass ihre Vorschläge bisher nicht einmal von den Grünen oder von „exotischeren Parteien“ gefordert worden sind. Dort, wo darüber hinaus auf den Inhalt des Vorschlages selbst eingegangen wurde – etwa in der F.A.Z. –, wird das Thema auf Gleise abgeschoben, die der Sache nicht gerecht werden. Man erfährt etwa, dass es im Islam, bei den sunnitischen Muslimen, die Einrichtung einer Zeit-Ehe gebe. Aber was hat diese orientalische Kultur-Spezialität mit den Gedanken Paulis gemein? Zwar wurde Paulis Vorschlag nicht von exotischen Parteien, jedoch von der Spitze des deutschen Geisteslebens bereits vor über 200 Jahren ins Feld geführt. 1795 erschienen Goethes „Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten“, deren Abschluss ein „Märchen“ bildet. Gegen Ende hören wir dort den Gedanken, den der „Alte mit der Lampe“ seiner verjüngten Gattin zum Ausdruck bringt: „Wenn ich dir zu alt bin, so darfst du heute einen andern Gatten wählen; von heute an ist keine Ehe gültig, die nicht aufs neue geschlossen wird.“ Interessant ist, dass Frau Pauli für die Dauer einer „Eheperiode“ die Zeit von sieben Jahren wählt. Liegt nicht in dieser Spanne eines Jahrsiebts eine anthropologische Realität? Nämlich dass das Leben des Menschen – deutlich sichtbar beim Kind, aber auch für die ganze Lebensspanne beobachtbar – sich im Rhythmus von sieben Jahren entwickelt. Auch darüber würde es sich lohnen, weiter nachzusinnen. Darüber hinaus aber steckt darin ein noch grundsätzlicherer Kern, der auch bei Goethe hinter dem Bild der erneuerten Ehe zwischen dem „Alten“ und seiner Frau steht. Da geht es ja – eingekleidet in eine reichhaltige Bildersprache – nicht zuletzt um die Idee einer gesellschaftlichen Transformation, wo für ein neues Zeitalter die Vision einer funktional gegliederten Gewaltenteilung im Bilde von drei Königen, die einen gemischten Einheits-König (Einheitsstaat) ablösen, vorgeführt wird. In dieser ordnungspolitischen Perspektive hat das Bild der zu erneuernden Ehe auch die grundsätzliche Bedeutung des immer wieder zu erneuernden Rechts an sich als der gemeinsamen Verbindlichkeit des Gemeinwesens, der Verfassung nämlich. Nichts kann „ewig“ Bestand haben; nur was durch den freien Willen bewusst gewollt wird, kann Gültigkeit behalten oder neu begründen. In diese Rechts-Sphäre gehört auch – dort, wo es um die Beziehung zwischen zwei Menschen geht – die von Pauli aufgeworfene Frage nach der Dauer der Ehe. Leserbreif von Gerhard Schuster, Wien

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