Durch Revolution der Begriffe
zur Evolution der Gesellschaft

(Wilhelm Schmundt)

Von heute an ist keine Ehe gültig, die nicht aufs neue geschlossen wird

Am vergangenen Mittwoch hat die CDU-Landrätin Gabriele Pauli das Programm zu ihrer Kandidatur zum Parteivorsitz vorgestellt. Dabei hat vor allem ihr Vorschlag einer "Ehe auf Zeit" größeres Echo erzeugt. Obwohl ihre Idee viel Stoff für tiefergehende Auseinandersetzungen birgt, haben die Medien entweder nur die diffamierenden Stimmen vor allem ihrer Parteikollegen wiedergegeben (als Beispiele siehe etwa: TAZ, Welt, Stern oder für Österreich auch den Kurier), oder aber, wie in der FAZ geschehen, die Öffentlichkeit in Paulis Anregung sehr ferne Gefilde gelockt (s.u.). Dazu habe ich einen Leserbrief an die FAZ verfasst, den ich im Folgenden dokumentieren möchte:

Leserbrief zu drei Beiträgen in der FAZ vom 20. September 2007 Nachdem vergangenen Mittwoch die CSU-Landrätin Gabriele Pauli das Programm zu ihrer Kandidatur zum Parteivorsitz vorlegte, folgte ein heftiges "Rauschen im Blätterwald". Vor allem ging es dabei um ihren Vorschlag, die Möglichkeit einer befristeten Ehe zu schaffen: die Dauer der Ehe solle grundsätzlich auf sieben Jahre beschränkt sein, es sei denn, sie würde nach dem siebten Jahr von den Ehepartnern aktiv erneuert werden. Weitgehend wurde ihre Anregung als absurd und indiskutabel abgetan. Die heftigsten Worte kamen von der Spitze der Partei selbst. Edmund Stoiber etwa - so konnte man lesen - habe Pauli gar den Partei-Austritt nahegelegt und festgestellt, dass ihre Vorschläge bisher nicht einmal von den Grünen oder von "exotischeren Parteien" gefordert worden sind. Fast überall das einheitliche Bild einer "wirren", "verrückt gewordenen" Politikerin, die es mit ihrer Kandidatur wohl gar nicht so ernst nimmt. Dort, wo darüber hinaus auf den Inhalt des Vorschlages selbst eingegangen wurde - etwa in der FAZ vom 20. September - wird man in Bereiche geführt, wo sich das Thema auf Gleise abgeschoben findet, die der Sache nicht gerecht werden und die uns von uns selbst und unserer eigenen Kultur ablenken: Man erfährt, dass es im Islam, bei den sunnitischen Muslimen, die Einrichtung einer Zeit-Ehe gäbe. Liest man die Sache zu Ende, muss man sich fragen, was diese orientalische "Kultur-Spezialität" über eine oberflächliche Parallelität hinaus mit den Gedanken Paulis gemein hat.> Zwar mag es interessant sein, auf diesem Wege über eine Facette des Islam belehrt zu werden, doch sollte man nicht auch und vorrangig der Frage nachgehen, ob es in unserem eigenen Kulturkreis selbst für die von Frau Dr. Pauli vorgeschlagene Idee Anknüpfungpunkte gibt? Nirgends - soweit ich es überblicken konnte - hat man diesbezüglich bemerkt, dass Paulis Vorschlag zwar nicht von exotischen Parteien, jedoch von der Spitze des deutschen Geisteslebens bereits vor über 200 Jahren ins Feld geführt wurde. 1795 erschienen Goethes "Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten", deren Abschluss sein "Märchen" bildet. Gegen Ende hören wir dort den Gedanken, den der "Alte mit der Lampe" seiner verjüngten Gattin zum Ausdruck bringt: „Wenn ich dir zu alt bin, so darfst du heute einen andern Gatten wählen; von heute an ist keine Ehe gültig, die nicht aufs neue geschlossen wird.“ Paulis Vorschlag mag man auch aus einer gewissen Lebenserfahrung für begrüßenswert erachten, und es ist ja dabei auch interessant, dass sie als Vorschlag für die Dauer einer "Eheperiode" die Zeit von sieben Jahren wählt. Liegt nicht in dieser Spanne eines Jahrsiebts eine anthropologische Realität? Nämlich dass das Leben des Menschen - deutlich sichtbar beim Kind, aber auch für die ganze Lebensspanne beobachtbar - sich im Rhythmus von sieben Jahren entwickelt. Auch darüber würde es sich lohnen weiter nachzusinnen. Darüber hinaus aber steckt in dem Gedanken ein noch grundsätzlicherer Kern, der auch bei Goethe hinter dem Bild der erneuerten Ehe zwischen dem "Alten" und seiner Frau steht. In dem Gesamtzusammenhang des Märchens geht es ja - eingekleidet in eine reichhaltige Bildersprache - nicht zuletzt um den Ideenzusammenhang einer gesellschaftlichen Transformation, wo für ein neues Zeitalter die Vision einer funktional gegliederten Gewaltenteilung im Bilde von drei Königen, die einen gemischten Einheits-König (Einheitsstaat) ablösen, vorgeführt wird. [In diesem Zusammenhang hat sich die IG-EuroVision in der 1999 veröffentlichten "Bodenseeerklärung - Erste Orientierung für Grundlinien einer Verfassung der Europäischen Union" auch schon auf den oben zitierten Gedanken aus Goethes Märchen bezogen.] In dieser ordnungspolitischen Perspektive hat das Bild der zu erneuernden Ehe auch die grundsätzliche Bedeutung des immer wieder zu erneuernden Rechts an sich als der gemeinsamen Verbindlichkeit des Gemeinwesens, der Verfassung nämlich. Nichts kann "ewig" Bestand haben; nur was durch den freien Willen bewusst gewollt wird, kann Gültigkeit behalten oder neu begründen. In diese Rechts-Sphäre gehört auch - dort, wo es um die Beziehung zwischen zwei Menschen geht - die von Pauli aufgeworfenen Frage nach der Dauer der Ehe. Könnten ihre Gedanken nicht auch ein Anstoß sein, über die sich daran anschließenden gesellschaftspolitischen Fragen, den Diskurs zu eröffnen? Ein solches Gespräch - geführt als breite "Volksdiskussion" (Gorbatschow) - hätten wir dringend nötig. Bisher ist von einem solchen Gespräch, das nach Goethe "erquicklicher als Licht" wäre, nichts in Sicht. Anstatt in den noch weitgehend unausgeloteten Weiten des mitteleuropäischen Kulturlebens zu forschen, wird man - wie das Beispiel zeigt - unvermittelt in die Welt des Islam versetzt; was natürlich aufs Ganze gesehen, im Sinne der Erscheinunsgsformen der Ehe im Islam, wie sie in der FAZ mitgeteilt werden, im Rahmen unseres Kulturkreises dann tatsächlich eine "Absurdität" wäre. Unsere Medienlandschaft - seien es die Printmedien oder auch die Talkshows - tut, bei gleichzeitiger oberflächlicher Debatte über "Leitkultur", nichts dafür, dass die Quellen, die wir in unserer eigenen Kultur haben, wieder erschlossen würden. Und so kann auch heute noch jenes Wort von Ferdinand Lassalle, welches er auf die Wilhelminische Zeit bezogen geäußert hat: "Die deutschen Denker und Dichter sind nur im Kranichzug über uns hinweggeflogen", auch für unsere heutigen Verhältnisse als charakteristisch gelten. Sodass sich aus dieser Erkenntnis die dramatische Frage ergeben würde: Was können wir als Gesellschaft gemeinsam tun, um den "Kranichen" in der denkbar größten Öffentlichkeit endlich die Chance zur "Landung" zu geben?

Gerhard Schuster, Wien den 21. September 2007 (Wiener Institut für Europäische Gesellschafts-Entwicklung)

1 Kommentar

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Es ist wirklich ein Jammer

Es ist wirklich ein Jammer dass die Gesellschaft nie daraus lernt, wie unklug es sich bisher immer erwiesen hat, diejenigen hinzurichten die als erstes behaupteten, dass die Erde nicht im Mittelpunkt des Universums steht. Schön dass es dennoch Leute gibt, und dann noch in Machtpositionen, die sich für neue Ansichten und Besserungsversuche der gesellschaftlichen Strukturen und Bräuche zu kämpfen trauen. Danke. 

 

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